Unter Muskelkrämpfen versteht man allgemein schmerzhafte und unwillkürliche Kontraktionen eines Muskels oder einer Muskelgruppe, die mit einer tastbaren Verhärtung einhergehen. In der Regel ist ein Muskelkrampf nur kurz andauernd. Der gewöhnliche Muskelkrampf tritt oft bei Ruhe und während der Nacht ohne vorherige körperliche Belastung auf und betrifft überwiegend die Muskeln der Wade und des Fußgewölbes. Nächtliche Wadenkrämpfe und damit einhergehende Schlafstörungen sind ein häufiges Phänomen. Sie treten bei etwa einem Drittel der Bevölkerung auf und nehmen mit dem Alter zu.

 

Muskelkrämpfe können aber auch während körperlicher Arbeit oder sportlicher Belastung auftreten, insbesondere bei Hitzebelastung mit starkem Schwitzen und Salzverlust, während der Schwangerschaft oder auch bei Situationen mit Flüssigkeitsmangel.

Gewöhnlicher Muskelkrampf oder neurologische Erkrankung?

Gewöhnliche Muskelkrämpfe sind allerdings von neurologische Erkrankungen (wie z.B. das Restless-Legs-Syndrom, Polyneuropathien oder amyotrophe Lateralsklerose) abzugrenzen. Auch verschiedene internistische Erkrankungen wie arterielle Verschlusskrankheit, Nieren- oder Lebererkrankungen, Elektrolytstörungen oder Erkrankungen des Hormonhaushaltes wie beispielsweise Schilddrüsenunterfunktionen können schmerzhafte Muskelkontraktionen hervorrufen. Zudem können Muskelkrämpfe als Folge von Alkohol oder unerwünschten Arzneimittelwirkungen auftreten, zum Beispiel bei Medikamenten zur Blutdruckeinstellung wie Betablocker, Kalziumantagonisten und Diuretika. Daneben sind weitere Medikamente wie unter anderem Cholesterinsenker, Betasympathomimetika, Cholinesterasehemmer und Naproxen zu nennen.

Zur Ursachenabklärung sollen die Situationen mit dem Patienten analysiert werden, in denen die Muskelkrämpfe auftreten. Auch die eingenommenen Medikamente sollten überprüft werden. Beim Verdacht auf internistische oder neurologische Ursachen sollte eine entsprechende körperliche Untersuchung mit neurologischer Überprüfung erfolgen. Daneben können Blutuntersuchungen vorgenommen werden. Gegebenenfalls werden weitere Untersuchungen wie Farbdoppler der Beine oder weitere Muskeluntersuchungen beim Neurologen (z.B. Elektromyographie) erwogen.

Akute Behandlungsmaßnahmen bei Wadenkrämpfen

Die erste Behandlungsmaßnahme bei akuten Wadenkrämpfen ist die Dehnung der verkrampften Muskulatur und/oder die Anspannung der Antagonisten der betroffenen Muskulatur. Bei nächtlichen Wadenkrämpfen können regelmäßige passive Dehnübungen der Wadenmuskulatur versucht werden, indem Sie mehrmals am Tag den Körper im Stehen unter Erhalt des Bodenkontakts der Fersen nach vorn beugen. Ältere Menschen können diese Übung durch Abstützung der Arme an einer rund einen Meter entfernten Wand erleichtern.

Wenn ein Krampf im Bett auftritt, strecken Sie die Beine und ziehen Sie im Liegen die Fußspitze nach oben in Richtung Knie. Vielen hilft es, die Wade dabei noch sanft zu massieren. Anderen kann es hilfreich sein, einige Schritte zu gehen, damit der Krampf sich legt. Manchen Patienten tut Wärme gut wie zum Beispiel eine kurze warme Fuß- oder Wadendusche, anderen hilft dagegen eher Kälte.

Vorbeugung und langfristige Behandlungsmöglichkeiten

Zur Vorbeugung von Wadenkrämpfen hilft regelmäßige Gymnastik, Stretching und Ausdauersport wie Walking, Radfahren und Schwimmen. Auch ein Spaziergang am Abend kann sinnvoll sein. Außerdem sollten Sie genug trinken: Ein gesunder Mensch sollte täglich 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit aufnehmen.

Auch Magnesium spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Muskelfunktionen, denn ein Magnesiummangel führt zu einer verstärkten neuromuskulären Erregbarkeit. Der deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge sollten täglich 300 bis 400 mg Magnesium mit der Nahrung zugeführt werden, etwa ein Viertel der Bevölkerung erreicht diese Menge nicht. Daher kann zunächst ein Behandlungsversuch mit Magnesiumtabletten erfolgen. Allerdings ist die Bewertung der Effektivität der Magnesiumgabe in Einzelfällen oft schwierig, da bei vielen Patienten die Muskelkrämpfe in deutlich wechselnder Häufigkeit auftreten. Deshalb wird zur Therapiekontrolle ein Auslassversuch nach einer beispielsweise dreimonatigen Behandlungsphase empfohlen.

Behandlungen mit Chinin

Die aus der Chinarinde extrahierte Substanz Chinin (Limptar) ist eine weitere Behandlungsmöglichkeit. Chinin dämpft die Erregbarkeit der Muskulatur durch Anhebung der Reizschwelle für die Impulsübertragung vom Nerven auf den Muskel. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen ist jedoch der Einsatz streng zu stellen. Es kann zu Tinnitus, Schwindel oder Magendarmbeschwerden kommen. Aber auch schwere Blutbildveränderungen, Störungen der Blutgerinnung oder Herzrhythmusstörungen können entstehen. Daher darf Chinin bei Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Vorschädigungen des Sehnervs und Tinnitus nicht genommen werden. Außerdem kann es zu Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente wie Antiarrhythmika, Antidepressiva, Antibiotika, Diuretika und Betablocker kommen. Daher ist das ehemals rezeptfrei erhältliche Medikament seit 2015 der Verschreibungspflicht unterstellt. Nach den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Neurologie und den Empfehlungen des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sollte vor dem Einsatz von Chinin ein Behandlungsversuch mit Magnesium erfolgen.